Ansichten aus Fuchstal

Etwa fünfzig Gemeinderäte aus dem Landkreis Dachau sind am 29.April 2022 zu Besuch bei Fuchstals Bürgermeister Erwin Karg. Unserem Ruf sind auch Ingrid und Christine aus Olching gefolgt, die wir kurzzeitig eingemeindet haben. In der Gemeinde und im Ort Bergkirchen haben wir auch geworben, es war neben uns Grünen Gemeinderäten Ruth und Stefan auch der Hubert dabei. Mit einem halben Ohr bereits hört man befürwortende Aussagen aus der Bürgerschaft. Hier ist man hoffentlich nicht weit weg von unserem Gemeinderat, der in den nächsten Wochen endlich die Weichen stellen wird.
Los geht es um 15:30 Uhr am Landratsamt, welches auch die Fahrt und die Getränke an Bord sponsort. Uli Rauhut, einer der Köpfe des Arbeitskreises Windkraft, informiert über dies und das und auch, dass weitere Fahrzeuge uns begleiten, etwa der Bürgerbus aus Hebertshausen. Dabei ist also auch Bürgermeister Reischl. Pünktlich in Leeder am Rathaus angekommen, steigt Erwin Karg zu uns in den Bus und geleitet uns zur ersten Besichtigung. Es geht in und durch den Wald, einem der größten Fichtenanpflanzungen in Bayern gleich nach dem Ebersberger Forst. Das erste Windrad ist erreicht.

Der Fuchstaler Bürgermeister beginnt zu erzählen, er macht das begeisternd, mit schwäbischer Mundart und schonungslosem Humor. Die Hürden die man in Bayern aufgestellt hat, sind zweifellos ernst. An einer Hand zählt er auf wer alles im Team sein muss, um auf den Platz zu kommen, den Fuchstal nun einnimmt. Kämmerer und Geschäftsführer müssen nicht nur mitziehen, die müssen wollen. Gemeinderat muss Klartext sprechen. Und neben Glück, all die Unterlagen bei gnädig geneigten Behördenvertretern fristgerecht einreichen zu können, braucht es einen Bürgermeister, der nicht nur Kindergärten baut. Er schildert drastisch was über die Jahre in einem vorgeht, von Selbstzweifeln, von Anfeindungen geplagt. Durchaus mit einem zwinkernden Auge. Er erntet jetzt die Früchte seiner Arbeit, in vier Jahren will er es ruhiger angehen.

Das Windrad ist eines von Vieren, etwa im Abstand zwischen 400 und 600 Metern. Die anderen sieht man im Wald trotzdem nicht. Mir kommt die Anlage sehr nüchtern vor, schaue einfach hoch und sehe wie sich die Flügel drehen. Nabenhöhe um die 150 Meter. Es ist kein Geräusch von oben zu vernehmen. Wie Erwin Karg später noch berichtet, plante man die jetzigen vier Windkraftwerke mit jeweils 6 GWh. Die drei im Bau befindlichen sollen konservativ geschätzt je acht GWh im Jahr abliefern. So oder so, die Investitionen lohnen sich und einstige Widersacher geben Geld, mehr als die Gemeinde braucht. Wobei man sowieso den Bestand in eine Bürgerenergiegesellschaft überführen wird. Bei all den umgesetzten Vorhaben bis zum heutigen Tag hat Fuchstal mit seinen 4000 Einwohnern gut wirtschaften können, in Immobilien angelegt und seine Schulden nahezu abbauen können.

An der nächsten Station finden wir nicht die Bauteile der neuen Windkraftwerke vor, sondern die Konstruktion für die Beobachtung von Vögeln. Die sich nun im Bau befindlichen Anlagen sind nach aktuellem Recht genehmigt und dazu gehören eben all die speziellen artenschutzrechtlichen Auflagen, die man sich in vielen Jahren ausgedacht hat. Die Kosten dafür sind sechsstellig.

Erprobung von kamerabasierten Vogelerkennungssystemen

Im Flughalbjahr der Raubvögel, exakt vom 15.März bis 15.Oktober, müssen die Windräder fähig sein, innerhalb kürzester Zeit anzuhalten. Ob man deswegen noch keine verunglückten Vögel gefunden hat oder ob sich Rotmilan und Co. auch so gut mit den Anlagen verstehen, ist nicht klar. Die automatische Erkennung soll auch für Fledermäuse funktionieren, an der Stelle schweife ich gedanklich ab. Später höre ich noch Geschichten darüber, dass man anderswo Windräder mit Angabe von Wallfahrtsorten, die seit über 200 Jahren nicht mehr besucht wurden, zu verhindern gedachte. Auch der verstellte Blick auf eine Kirche aus einem bestimmten Blickwinkel heraus, führte zu Auseinandersetzungen vor Gericht. Religion und Glaube sind seit der Aufklärung kaum noch so bemüht worden, wie in unserem 21.Jahrhundert.

Etwa ein Fußballfeld Fläche braucht eine Windkraftanlage. Für den Bau ist die Schneise etwas größer, danach werden wieder Bäume gepflanzt. Zwanzig bis dreißig Jahre kann die Anlage Energie liefern, eher sie wieder abgebaut oder ersetzt wird. Das sogenannte Repowering wird bei alten Standorten ja genutzt, sofern möglich. Der Bau an dieser Stelle wird sich ein paar Monaten verzögern, Mitte 2023 soll das neue Windrad aber stehen. Ruth hat die ganze Zeit über mitgeschrieben, die genauen Zahlen und Details werden in einem eigenen Bericht veröffentlicht.

Weiter geht es mit der Exkursion dahin, wo überschüssiger Strom verwertet wird. Neben einem etwas größerem Akku, der aber weiterhin nicht alle Überschüsse aufnehmen kann, gibt es den sogenannten Wärmetopf. Ich hatte Mühe dieses Teil aus der Nähe auf ein Bild zu bekommen. Millionen Liter heißes Wasser werden darin gespeichert. Wärmeverlust innerhalb von 24 Stunden sind 0,1 Grad. Temperaturen ab 65 Grad sind nutzbar, für die Nahwärme 95 Grad ideal. Diese wird eigentlich durch Hackschnitzel und Biogas befeuert. Nun kommen wohl 6 GWh im Jahr dazu, aus Power wird Heat, kurz P2H. Klarer wird der Vorgang in der nebenstehenden Halle.

Diese Anlage ist ein Pilotprojekt, derzeit einzigartig und mit 90% Anteil gefördert. Nahezu ein Tempel der modernen Technik, angenehm warm und geräumig genug auch gesellschaftliche Events abzuhalten. Ob das nun ernst gemeint ist, wer weiß. Machen kann man offensichtlich sehr vieles.

Ohne Förderung würden sich die Investitionen erst in hundert Jahren rechnen. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass sich die Technik entwickelt und für das eine oder andere Wärmenetz auch in der Gemeinde Bergkirchen interessant werden kann.

Der Ausflug nach Fuchstal hat sich für mich gelohnt. Es war eben keine Wallfahrt, die Dinge rechnen sich einfach, wenn man genug Wissen und Durchsetzungskraft hineinsteckt. Von der Erfahrung können wir profitieren und ich würde meinem Eid als Gemeinderat nicht gerecht, würde ich nicht darauf hinweisen.

Bei den vielen Zahlen und Zusammenhängen, die mir allein aus der Erinnerung heraus nicht mehr alle perfekt gelingen, habe ich aber eine wichtige Sache aufgeschnappt.

Noch hat man in Fuchstal keine Wasserstoff-Produktion. Aber Bürgermeister Karg hat gesagt, man braucht 3500 Stunden kontinuierlichen Strom aus erneuerbaren Energien, um grünen Wasserstoff herzustellen. Das bekommt man hin, wenn man ausreichend Photovoltaik und Windkraft in Kombination hat. Ich hoffe wir in Bergkirchen vermasseln uns nicht die Chance eine geförderte Wasserstoff-Elektrolyse-Einheit zu bekommen. Da geht es schon mal um zwei oder drei Millionen € haben oder nicht haben. Und darum die Tür zur Technik, zum Handwerk und zu den Jobs der nächsten Generation aufzumachen.

Stefan Haas, 1.Mai 2022
Gemeinderat Bergkirchen (Bündnis 90/Grüne)

Aus den Notizen von Ruth Göttler, Uli Rauhut und Uli Wienforth

Über 50 TeilnehmerInnen aus 13 Gemeinden im Landkreis Dachau, quer durch die Parteien. Organisiert vom überparteilichen AK Windkraft im LK Dachau. Herr Landrat Stefan Löwl hatte den Bus organisiert und die Kosten übernommen, einschließlich der Getränke. Er selbst war wegen einer zeitgleichen Veranstaltung im LRA verhindert. Mit dabei u.a. Bgm Hertlein mit 5 Gemeinderäten und Bgm Reischl mit ebenfalls 5 GemeinderätInnen.

Gemeinsame Delegation aus Olching und Bergkirchen

Die Gemeinde Fuchstal

  • Fuchstal liegt im Landkreis Landsberg/Lech im idyllischen Alpenvorland. Dennoch stören die vier Windräder, die auf der Anhöhe stehen und weithin sichtbar sind, kein bisschen und von ihnen ist auch bei Annäherung und auch vor Ort nichts zu hören.
  • Bgm. Karg (parteilos) ist ein Original, ein „Macher“, der nicht so leicht aufgibt. Er klopft aber nicht nur markige Sprüche, sondern bewegt eine Menge in Sachen Erneuerbare Energien in seiner 4000-Seelen-Gemeinde. Seine Führung für uns ist seine 30. Veranstaltung dieser Art in 2022 (!). Um solche Projekte umzusetzen, „brauche es neben einem engagierten Bgm. auch einen Kämmerer, der sämtliche Förderungen abgreift und nach Pilotprojekten Ausschau hält. Bis 2030 wird Energieautarkie angestrebt.“
  • Die Gemeinde Fuchstag hat bereits ca. 20 km eigene Stromleitungen gebaut.
  • Durch die im letzten Jahrzehnt gestiegenen Einnahmen konnte die Verwaltung Grund erwerben und Wohnraum (29 Wohnungen) schaffen.

Die Windräder

  • Die vier WEA sind 2016 in Betrieb gegangen. Gesamthöhe 208 m. Sie sind mehr als 2 Kilometer von der Wohnbebauung entfernt und halten die 10H-Regel spielend ein.
  • Anlieferung der Teile über die vorhandenen Waldwege. Sie sind gerade so breit, dass der Bus durchpasst.
  • Bgm. Karg hat sich 2014 nicht auf den Bayerischen Windatlas verlassen, sondern die Windgeschwindigkeit selbst gemessen. Dies trug zu einer noch realistischeren Kalkulation bei.
  • Gemeinde hat Bürgerentscheid gewonnen. Windradgegner spielen heute keine Rolle mehr
  • In Windradnähe kann die Delegation kein Betriebsgeräusch hören. Es werden 24 Mio kWh pro Jahr erzeugt. Das reicht für ca. 8.200 Haushalte.
  • Die Grundstücksbesitzer bekommen pro Windrad ca. 15 000 € Pacht pro Jahr.

Finanzierung der Windräder

  • Die Gemeinde Fuchstal hat die Planungsphase der vier Windenergieanlagen allein gestemmt, unter fachlicher Federführung durch ein Ingenieurbüro. Alle Kosten werden durch die Einnahmen bei Betrieb wieder ausgeglichen.
  • An der Bürgerenergiegesellschaft (GmbH & Co. KG) hält die Gemeinde knapp 50 %, die restlichen Anteile halten 116 Bürger als direkte Kommanditisten. Zwei Drittel der Gesamtinvestition (21,3 Mio. €) Bankkredit, der Rest Eigenkapital. Die Geschäfte führt Robert Sing vom Ingenieurbüro.
  • Renditeprognose war 4,6 Prozent pro Jahr. In der Praxis sind die Renditen zuweilen über 10%
  • Die Gemeinde hatte vor der Gründung der Bürgerenergie nur wenig Gewerbesteuereinnahmen. Mit der Windrad-Beteiligung kann sie ihren Haushalt erheblich aufbessern. Zudem bringen die vier Windräder ca. 50.000 € Gewerbesteuer pro Jahr.
  • Der Rückbau der Anlagen nach 30 Jahren ist bereits geplant und durch finanzielle Rücklagen abgesichert

Artenschutz, Bürgerprotest, etc.

  • Die Rotmilan-Population, an der die Windräder oft scheitern, ist in den letzten Jahren sogar gewachsen. Bürgermeister Karg wurde noch kein geschredderter Rotmilan vom Förster (kein Windkraftfreund) „auf den Schreibtisch gelegt“.
  • Trotzdem müssen zuweilen tagsüber die Windräder abschaltet werden. Als Pilotprojekt wird jetzt ein aufwendiges Kamerasystem zur Vogelerkennung getestet. Damit würde künftig erst abgeschaltet werden, wenn sich ein Greifvogel nähert. Die Abschaltungen gefährden jedoch in keiner Weise die Rentabilität.
  • Lärm und Infraschall und sonstige Immissionen sind kein Problem.
  • Anfangs gab es Proteste bei Bürgerversammlungen. Der Bürgerentscheid fiel jedoch zu Gunsten der Windräder aus. Jetzt zeichnen einstige Windkraftgegner selbst Anteile. Es traut sich keiner mehr, Proteste zu organisieren, zumal die Gemeinde durch die Windkraft-Einnahmen finanziell sehr gut dasteht und bestens in Schuss ist.

Das neue Projekt

  • Vor kurzem drei weitere Windräder genehmigt. Maximale Einlage je Bürger 50.000 €. Das Geld (ca. ein Drittel der Gesamtkosten) war sehr schnell beisammen (über 371 Anteilseigner).
  • Die Flächen sind schon gerodet, pro Windrad ca. 0,3 ha. Dafür werden Ausgleichsflächen in gleicher Größe aufgeforstet.
  • Um die Windräder herum entsteht ein Magerrasen, dies ist ein Lebensraum für Insekten und Kleinschmetterlinge (Kommentar von Roderich Zauscher)
  • Wenn die erneuerbaren Energien in Fuchstal insgesamt mehr als 3.500 Betriebsstunden p.a. Strom produzieren, lohnt sich die Produktion von grünem Wasserstoff.

Strom speichern

  • Wenn sie wegen zu geringer Stromnachfrage den Strom nicht ins Netz einspeisen können, heizen sie mit dem Strom ihren Wasserspeicher (5.000 m3), der ihr Nahwärmenetz versorgt. Ansonsten wird der Speicher aus einer Biogasanlage und bei Bedarf von einer Hackschnitzelanlage versorgt.
  • Zur Speicherung überschüssigen Stroms haben sie jetzt als Pilotprojekt einen großen Batteriespeicher (Li-Ionen) installiert. Das erweist sich als sehr profitabel.

Zitate

„Strom muss dort erzeugt werden, wo er gebraucht wird“

„ Wir verdienen hier unser Geld ehrlich“ (im Hinblick auf manche Unternehmen)

„Der Förster hätte mir den Rotmilan schon längst auf den Schreibtisch gelegt“

„Mit dir stimmt wohl etwas nicht! Da müssen wir mal darüber reden“ zu einem Windkraftgegner, der sich am Windrad beteiligen will

„Verwaltung ist Stillstand“

„Man muss eine Gemeindeverwaltung wie ein Unternehmen sehen“

„Wenn Du ein Windrad bauen willst, musst Du ein Haudrauf sein“

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